Der letzte Weg

Nachdem ich nun alles getan habe, damit der Pflegeheimplatz meiner Mutter nicht gekündigt wird und ich immer noch auf das Geld vom Sozialamt warte, hat sich meine Mutter aus dem ‚Staub‘ gemacht. Nun stehen, neben den alten, neue Rechnungen ins Haus: die Beerdigungskosten.

Christa

Meine Mama – Aufnahme bei einer Feier entstanden

Die eigenmächtigen Abbuchungen des Pflegeheimes (kompletter Betrag) haben ein Loch gerissen, welches annähernd die Höhe des Verwahrgeldes in der Gesamtsumme zw. Juni 2019 bis Mai 2020 umfasst. Das Verwahrgeld wird auf gleichnamiges Konto in dem jeweiligen Alten-Pflegeheim für private Ausgaben oder Anschaffungen für Heimbewohner hinterlegt und bei Bedarf ausgezahlt. Es wird für Zusatzausgaben wie Friseur, Nagelpflege oder Sonderwünsche des Bewohners verwahrt. Die Höhe des Verwahrgeldes richtet sich nach Höhe der Rente, aber es gibt bei kleinen Renten einen Mindestsatz. Zusatzleistungen, wie rezeptfreie Medikamente, Podologie, Telefon, Essen außerhalb der Einrichtung oder der Friseurbesuch usw. sind nicht in den Heimkosten bzw. -ausgaben enthalten. Einzige Ausnahme: der/die Heimbewohner*in kann nicht mehr selbstständig die Wege erledigen.

Meine Mama hatte nach einem Schlaganfall Aphasie. Das ist eine Störung, die das Sprachzentrum betrifft. Meine Mutter konnte nicht mehr lesen und schreiben, sprechen (fast) nur mit verdrehten Buchstaben und so hat sie vermutlich alle anderen auch nicht verstanden. Sie fand das schrecklich, denn sie konnte sich nicht mehr so artikulieren, wie es gewöhnlich war. So manches gab mir Rätsel auf. Doch es war weit mehr bei dem Schlaganfall getroffen worden. So auch das Verständnis für notwendige Dinge. Sie entwickelte geradezu eine Phobie gegen Wasser und schreckte bei Wasserberührung regelrecht zurück – schließlich wehrte sie sich mit allem, was ihr zur Verfügung stand. Wir nahmen abstand. Was solls auch. Sauberkeit wird überschätzt – juckt nur manchmal – und in dem Alter werden sportliche Aktivitäten, bei denen man derart ins Schwitzen kommt, dass man duschen möchte, auf die nötigsten Gänge zum Essen, Toilette und einem kleinen Spaziergang beschränkt. Und juckt das Fell besonders, kann man es ja mal mit einem Schwimmausflug an die Kiesteiche versuchen … im Hochsommer. Doch auch dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

Sie war Friseurin ( … so heißt das, und nicht Friseuse, erklärte mir einmal meine Mutter) und hat sich die Haare selbst geschnitten. Bestenfalls hat sie eine ehemalige Kollegin und langjährige Freundin an ihren Kopf gelassen. Für die Nagelpflege habe ich eine junge Dame engagiert, die ein transportables Nagelstudio-Equipment hatte. Bezahlt habe ich das aus dem Bankkonto meiner Mutter, obwohl dafür eigentlich das Verwahrgeld im Heim eingesetzt werden sollte.

Trotz der Absprache im Januar 2020 hat das Pflegeheim die komplette Rente ohne Einwilligungserklärung vom Konto eingezogen. Die Höhe des Verwahrgeldes würde gerade ausreichen um Nagel- und Fußpflege, Friseur, Zusatz-Versicherung für Zahn und Brille, Telefon und Kontoführungskosten zu decken. Wenn aber die komplette Rente abgezogen wird, entsteht ein Loch / Minus auf dem Bankkonto. … ich hatte einen Rechtsanwalt eingeschaltet … .

Mamas fortschreitender Verfall

Einziger Trost: meine Mama hat mich bis zum Schluss erkannt und sich gefreut. Ich konnte sie zwar nicht mehr in den Arm nehmen, aber immerhin besuchen … und in der Quarantänezeit nach ihrem Krankenhausaufenthalt, befand sie sich im Erdgeschoss des Pflegeheimes, was mir die Möglichkeit gab, sie wenigstens durch das Fenster sehen zu können. Nur das … und es brach mir fast das Herz. Das letzte Mal, als ich bei ihr war, musste ich weinen, als ich ging. Das war nicht gut – für meine Mama.

Trotzdem kommt der Moment, wo es heißt, endgültig Abschied zu nehmen. Und dieser Moment kommt immer zur Unzeit. Darauf kann man sich nicht vorbereiten.

Lebens-Collage

Das Leben meiner Mutter in Portraits mit ihren drei Männern (mein Papa, oben rechts).

Am 26.05.2020 – High noon – war es soweit. …

High noon gehörte zu den Lieblingsfilmen meiner Mutter. Das hat sie ja toll hingekriegt, dachte ich sofort.

Mein Leben blieb stehen … ein Nichts breitete sich in mir aus … alles verschwamm … jede Handlung wurde zu einer unfühlbaren Tätigkeit … taub und stumm fühlt sich das an. Die Ohren hören nicht mehr, Telefonate geraten in einem Geflecht von Worthülsen zu zerfallen, eine merkwürdige Hektik ergreift das Herz und lässt es schneller schlagen, der Magen rebelliert und im Kopf brummt es. Geräusche werden abgeschnitten, zurückgedrängt, dumpf  … Watte … es ist wie Watte. Und am liebsten wäre ich durchsichtig.

Mit einem Mal war ich erwachsen = „Zwangserwachsen“. Ich wollte das nie: erwachsen sein. Doch wenn das letzte Elternteil nicht mehr da ist, ist man ganz sicher Erwachsen. Und man fühlt sich unsagbar allein. … Jetzt war ich es tatsächlich: Allein.

Ich musste, nachdem der Notarzt den Tod im Pflegeheim festgestellt und ich mich verabschiedet hatte, sofort zum Bestattungsinstitut … und man wählt eines, welches in der Nähe ist, egal welches man sich vielleicht zuvor schon mal angesehen hatte.

Einige Aufgaben übernimmt der Bestatter, was es aber nicht wesentlich einfacher macht. Behörden wurden informiert. Das alles kostet nicht nur Zeit. … Jede einzelne Kopie wie die Sterbeurkunde kostet Verwaltungsgebühren. Der Amtsakt im Rathaus umfasst die Ausstellung eines unscheinbaren Zettels mit Unterschriftenkürzel und einem offiziellen Stempel der Stadt in zweifacher Ausführung. Die Ausübung dauert maximal fünf (5) Minuten und Eintrag ins städtische Einwohnermelderegister … oder der Austrag.

Die Einäscherung erfolgt in einem Sarg aus Kiefern-Vollholz, roh inkl. Innenauskleidung. Bestatterwagen, Träger zur Überführung aus dem Pflegeheim und Nutzung des Transportsystems (nach Din EN 15017 = Europäische Norm für Bestatter), der Urnentransport, das Krematorium, Bestatterwagen und die Träger … alle Posten werden einzeln aufgeführt … das kostet. Dazu kommen Kleinigkeiten wie hygienische Versorgung des Verstorbenen, Kleidung, Klimaraum bis zur Einäscherung, Orga und Koordinierung aller Termine, die Überwachung, Büromaterial, Telefon- und Portokosten … alles in allem kostet nur diese Abwicklung ab 2200,-€uro. Es geht auch günstiger und – wer hätte es gedacht – teurer … alles eine Frage der Information. Doch wer will sich damit befassen, wenn der Todesfall noch so fern .

Die Urne soll nicht aussehen, wie eine Blechbüchse – das war bei meinem Vater so, was mich nachhaltig prägt. Diese Büchse steckte in der für alle sichtbaren Urnenhülle, die aber meiner Meinung nach nicht viel besser aussah. Aber die Wahl war sicher auch eine Kostenfrage, denn die 2. Frau meines Vaters hatte kein Geld.

Mein Vater ist schon mit 66 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben.

2008-08-14_Vati_Grabgesteck

Abschied mit Schreibfehler

Für meine Mama sollte es eine schöne Urne sein, die zu ihr passt und die sie sich auch ausgesucht hätte. Ich wählte eine perlmuttglänzende Urne mit einem Zierstreifen aus Goldfarbe und mit einem Engel drauf. Meine Mutti liebte Engel. Engel haben etwas wunderbares an sich, sagte sie einmal. Sie meinte, dass diese kleinen Engel überall hinfliegen können und dortbleiben, wo es ihnen gefällt. Und ich finde, sie hatte recht. Mich faszinieren auch Engel und ich glaube, meine Omi ist nach ihrem Tod 1979 ein Engel geworden. Sie hat mich schon beschützt. Das weiß ich, denn ich habe sie jedesmal in dem Moment gesehen … mit fast unsichtbaren Flügeln. Es war kein Traum … meine Omi schwebte an mir vorbei und sah mich an. Ich habe nicht geschlafen, sondern war hellwach.

Ein Engel aus der übersichtlichen Sammlung meiner Mama:

Urne+Engel-2

Die Urne ist von VÖLKSEN.

Ich habe einen ruhigen Platz gesucht … einen Wald, der zur Ruhestätte umfunktioniert wurde. So kann man die Natur schützen und jeden einzelnen Baum, denn der ist Grabsteinersatz und die Urnen lösen sich nach einer gewissen Zeit vollkommen auf. Nach Aussage der Bestatter ist diese Art der Urnenbeisetzung die Unauffälligste und Umweltschonendste. Keine Giftreste, die aus dem Körper entweichen und ins Grundwasser gelangen könnten. Keine Würmer oder Maden oder anderes schreckliches, das an einem herumnagt.

An dieser Stelle erinnere ich mich an eine Geschichte von Edgar Allen Poe. In einem furchtbar gruseligen Film fürchtete sich ein Mann vor dem Tod. Aber vor allem davor, dass er im verschlossenen Sag erwachte und unter der Erde ihn niemand hören würde, wenn er langsam unter der Erde vergraben erstickte. Das soll es tatsächlich gegeben haben. Nun … meine Mama ereilt dieses grausame Schicksal nicht und auch ich, werde so nicht dahinscheiden. Der Film hieß: Lebendig begraben (1962) mit Ray Milland. Das ist der Schrecken schlechthin. … vermutlich spuken die Hauptakteure noch immer durch das nebelwabernde Unterholz und versuchen Vorbeiziehende zu ermorden … . Da kommt die Krimischreiberin zum Vorschein, was derzeit bei mir viel zu kurz kommt.

Urnenbeispiele

Diese Urnen lösen sich unter der Erde auf. Fotos: Roman Thomas

Die doch eher schlichten Urnen sind teurer, als die farblich verzierten – wobei ich die Hölzerne noch am Schönsten finde. Außerdem waren keine mehr da. Liegt das etwa an höheren Sterbezahlen? … ungezählte Corona-Opfer?

Ich mag nicht spekulieren …

Zumindest hatte ich einen neuen Antrag an das Sozialamt gestellt. Bestattungen sind teuer und das Sozialamt schuldet mir noch was für die Räumung der Wohnung und die gestiegenen Forderungen des Pflegeheimes durch den Rechtsanwalt und Rücküberweisungen, die nur deshalb entstanden sind, weil das Sozialamt nicht bezahlt hat.

Ich hatte auch die Presse wegen der Nichtzahlungen des Sozialamtes angeschrieben. Jetzt hat sich tatsächlich ein angehender Reporter bei mir gemeldet und ich habe versucht in kürze vom Entstehen der ganzen Misere zu berichten. Ich hoffe, dass er mehr Glück hat und eine Auskunft bekommt.

Berichtsstand: 12.06.2020, Francis Bee

Ein Gedanke zu “Der letzte Weg

  1. Pingback: Ruhe in Frieden | Francis Bee

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